We are not afraid

„Und lasst Euch keine Angst einreden. Selbst wenn im Jahr 10 solcher Anschläge im Jahr bei uns stattfinden sollten, ist das nichts im Vergleich zu den Lebensrisiken, die wir tagtäglich ohne Zögern in Kauf nehmen. Angst hat bisher immer die schlechtesten aller möglichen "Lösungen" erbracht.“, schreibt Karl Rinast. Und verlinkt Pete Seeger mit „We shall overcome“ dazu.

Ich habe lauthals mitgesungen, den Kloß im Hals runtergeschluckt. Ja!, ich stimme Karl zu, dieses Lied drückt die beste Herangehensweise in der Bewältigung der Attentate von Paris und aller anderen Attentate gegen die Menschheit, gegen die Menschlichkeit aus.


Angst darf keine Motivation sein, auch da gebe ich Karl Recht.

Dennoch – ich kann sie nicht negieren. Ich habe sie mir von niemandem einreden lassen, sie ist da. Darum schrieb ich heute früh folgendes:

„Ich werde nicht zulassen, dass die Drecksarschlöcher so viel Macht über mich haben, mich daran zu hindern, mich frei in der Welt zu bewegen. Flüchtlingen zu helfen. Ein Mensch unter Menschen zu sein, egal, wo sie herkommen und wo ich herkomme. Die Angst in mir ist da, das haben sie erreicht und das ist schlimm genug. Aber sie darf mich nicht dominieren.“


We shall overcome the fear.

Leben ist immer lebensgefährlich und wir wörden alle störben, soviel steht fest. Und das ist gut und richtig so. Meinen eigenen Tod fürchte ich nicht, den Weg dorthin, je nachdem, wie er sich gestaltet, schon eher. In die Luft gesprengt zu werden ist vielleicht gar nicht einmal die schlechteste Alternative.


Was mich aber quält, was aber der Grund für die Angst in mir ist, das ist die Tatsache, dass ich liebe. Sie macht mich angreifbar und ich muss sehr aufpassen, dass ich mich von dieser Angst nicht dominieren lasse. Mein Sohn, meine Liebe, meine Tiere, meine Freunde – ich möchte sie nicht verlieren. Klar ist das egoistisch und das Possessivpronomen – Nomen est Omen - ein sehr besitzergreifendes. Andere Lebewesen lassen sich nicht besitzen, nein. Ich will weder besessen werden noch besessen sein – von was auch immer.


Mir wurde dieser Grund für meine Angst vor ein paar Minuten sehr bewusst. Filius fährt seit zwei Monaten Güterzüge. Per Whatsapp teilte er mir vorhin mit, dass er in Kürze auf dem Weg von Mainz nach München die Bahnstrecke bei mir umme Ecke passieren würde und ich entnahm dieser Mitteilung, dass er wohl gern Mutti winkend am Bahnübergang stehen sehen würde. OK, nix wie in die Klamotten und zum Bahnübergang gehüpft, die Schranken waren schon unten. Zwei Minuten später donnerte die Lok vorbei – mit einem strahlenden Benni, der aus dem Fenster winkte. Ich weiß nicht, ob es nur der heftige Wind war, der mir die Tränen in die Augen trieb. So viele Gedanken, Gefühle in den paar Sekunden – Stolz auf diesen langen, blonden Kerl, Freude darüber, dass er nun einen Job hat, der ihn strahlen lässt, Angst davor, dass er vielleicht nicht heil ank…. Warum denke ich so etwas? Ich könnte mir genauso gut vorstellen, dass er heute Abend in München einem Attentat zum Opfer fällt…


NEIN!


Diese Angst ist fehl am Platz. Ich darf mich nicht von ihr dominieren lassen.

Ich will nicht aufhören zu lieben. Ich bin deshalb angreifbar. Aber – lieben zu können ist ein Grund zur Freude und nichts Pathologisches, nichts, was zu Fanatismus, zu Radikalismus führen darf.